Es scheint wie ein Wunder: Ein Alzheimer-Patient im späten Stadium, völlig versunken in der Demenz und abgekapselt von seiner Umwelt und seiner eigenen Identität. Doch wenn er die Klänge von für ihn ausgewählten vertrauten Musikstücken aus seinem früheren Leben hört, wacht er aus seiner Apathie auf, beginnt zu lachen, zu reden, sich zu bewegen und wird wieder „lebendig“!

Diese Schilderung erscheint eher wie das Drehbuch einer Filmszene, aber die Begebenheit ist tatsächlich real und kein Einzelfall: Personalisierte Musik kann für Menschen, die an Alzheimer und Demenz leiden, viel mehr sein als nur Klänge, Töne und Melodien. Für Patienten im weit fortgeschrittenen Stadium können diese Lieblingslieder aus längst vergangener Zeit wertvolle Erinnerungen freisetzen und sie wieder mit Familie und Freunden in der Welt um sie herum verbinden.

Die sprachlichen und visuellen Gedächtnisbahnen sind schon früh im Verlauf der Krankheit geschädigt und mit zunehmender Demenz geht die Fähigkeit zum abstrakten Denken immer weiter verloren. Daher werden Impulse, die die Gefühle oder das Langzeitgedächtnis der Patienten ansprechen, umso wichtiger, je fortgeschrittener die Krankheit bzw. je ausgeprägter die Demenz ist.

Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Thema Musik und Demenz. Aktuelle Studien haben messbare symptomatische Verbesserungen im Zusammenhang mit personalisierter Musiktherapie oder Hörprogrammen untersucht und gefunden. Wichtig ist dabei, dass Musik eingesetzt wird, die jeweils biographisch von Bedeutung ist. Dazu gehören beispielsweise die Lieblingslieder aus der Kindheit und der Jugend. Während (nicht personalisierte) Live-Musik, Hintergrund- oder Entspannungsmusik weniger Nutzen für die Lebensqualität von Alzheimer-Patienten brachte, haben dagegen vertraute Musikprogramme in aktuellen Studien deutliche Verbesserungen in der Symptomatik von Patienten mit fortgeschrittener Demenz gezeigt.

Musik und angstbesetzte Verhaltensweisen

Angst ist ein zentrales Thema in der Demenz. Man muss sich vorstellen, dass Demenzpatienten mit zunehmendem Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten mit einer Welt konfrontiert sind, die ihnen nicht mehr vertraut ist. Dies führt natürlich zu Desorientierung, Unruhe, Aggression und Angst bis hin zur Depression. Forscher der University of California fanden aktuell in der umfassendsten Studie ihrer Art heraus, dass personalisierte Musik eine enorm günstige Wirkung auf angstbesetzte Verhaltensweisen bei Demenzpatienten hat. Dazu wurde das Programm “Music & Memory” (Musik & Gedächtnis) angewandt, das zur Behandlung von psychologischen Symptomen der Demenz entwickelt wurde. In der dreijährigen Studie mit 4.107 Bewohnern in 265 kalifornischen Pflegeheimen bewirkte die Musiktherapie einen signifikanten Rückgang des benötigten Arzneimitteleinsatzes: bei Antipsychotika betrug er 13% und bei Medikamenten gegen Angstzuständen 17%. Bei den Patienten, die das Musikprogramm nutzten, war auch die Häufigkeit von depressiven Symptomen und aggressiven Verhalten um 16% bzw. 20% und die Häufigkeit von Schmerzen um 17% rückläufig [1].

Musik und Dysphagie

Unter Dysphagie versteht man ist die Störung des Schluckvorgangs. Sie ist weiteres großes Problem bei fortgeschrittener Demenz, da sie mit Ernährungs- und Erstickungsproblemen einhergeht und geschätzt mehr als die Hälfte der Patienten mit ausgeprägter Demenz betrifft. Die Betroffenen leiden unter schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie Dehydrierung, Mangelernährung, Gewichtsverlust, und tragen auch ein hohes Risiko für Nahrungsmittel-Aspiration („Verschlucken“) und damit verbundenen Erstickungsanfällen und Pneumonien. Die Initiative ‚Music& Memory’ hat in einer aktuellen Interventionsstudie in Kooperation mit der Stony Brook University School of Medicine in New York erstmalig herausgefunden, dass auch hier vertraute Musik-Playlisten Erleichterung schaffen konnten: es wurden erste Daten präsentiert, dass diese Therapieform das Schlucken bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz verbessert. Dies könnte langfristig zu besseren Ernährungsergebnissen bei Demenzpatienten führen, Komplikationen durch ungewolltes Verschlucken sowie die Notwendigkeit und den Einsatz von Ernährungssonden verringern [2].

Aber was tatsächlich bewirkt die personalisierte Musik im Gehirn?

Dieser Frage gingen Forscher der University of Utah nach und lieferten erstmalig objektive Beweise mit bildgebender Diagnostik des Gehirns: biographisch bedeutungsvolle Musik könnte ein alternativer Weg für die Kommunikation mit fortgeschrittenen Alzheimer-Patienten sein [3].

Dazu suchte das Forscherteam nach bedeutungsvollen Liedern aus der jeweiligen Biographie der Patienten und jeder Teilnehmer erhielt eine auf sich zugeschnittene Musiksammlung mit seinen Lieblingsliedern. Auffällig war die Tatsache, dass Demenzpatienten regelrecht auflebten, sobald man ihnen Kopfhörer aufsetzte und vertraute Musik abspielte. Dieses Phänomen ist so eindrucksvoll und bewegend , dass der Fernsehsender ARTE es in der sehenswerten Dokumentation “Alive Inside – Die Musik meines Lebens” aufgegriffen und die die Interventionen der Initiative “Music & Memory” begleitet und verfilmt hat.

Arte stellt das das Video in voller Länge bis zum 30.05.2021 in der Mediathek zur Verfügung: https://www.arte.tv/de/videos/070804-000-A/die-musik-meines-lebens/

Mit Hilfe einer bildgebenden Methode, der funktionellen Magnetresonanz oder kurz fMRT, untersuchten die Forscher die aktiven Gehirnregionen der Patienten, während diese der personalisierten Musik (auch rückwärts abgespielt) zuhörten, und verglichen die Bilder mit denen, die in stillen Momenten aufgenommen wurden. Sie fanden heraus, dass die persönlichen Soundtracks viele Regionen des Gehirns, darunter das Salienznetzwerk, aber auch das visuelle Netzwerk, das exekutive Netzwerk und Teile des Kleinhirns (mit seinen Verbindungen zur Großhirnrinde) nicht nur aktivierten, sondern auch dazu brachten, miteinander zu kommunizieren und somit insgesamt eine signifikant höhere funktionelle Verbindung dieser Regionen erzeugten.

Ein besonderes Augenmerk war in der Studie auf das sogenannte Salienznetzwerk (siehe Infobox) gerichtet:  Dieses Hirnareal ist beispielsweise für die Gänsehaut zuständig, die man beim Hören eines besonders bewegenden Musikstücks bekommt. Der Grund hierfür ist, dass das Salienznetzwerk des Gehirns eng mit den Belohnungsschaltkreisen (im ventralen Striatum) verbunden ist. Diese neuronale Verbindung spielt eine Schlüsselrolle sowohl bei der Verarbeitung der Musikwahrnehmung als auch beim Musikgenuss und kann daher die emotionalen Schauer beim Musikhören hervorrufen.

Der Gedächtnisverlust im Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit geht typischerweise mit einem fortschreitenden Verlust neuronaler Verbindungen einher, was auch die bei Demenz typischen apathischen und demotivierten Zustände erklärt. Überraschenderweise ist die Salienz-Region eine Insel des Gedächtnisses, die lange Zeit von dieser Zerstörung verschont bleibt. Insofern ist das Gehirnregion besonders interessant für eine Therapie im späten Stadium, selbst wenn sprachliche und visuelle Gedächtnisbahnen bereits zerstört sind: sie könnte der Schlüssel für effiziente musikbasierte Behandlungen sein. Die beobachteten symptomatischen Linderungen und auch das „Aufwachen“ der Patienten beim Hören von Lieblingsmusik könnten auf die spezifische Fähigkeit dieser Musik zurückgeführt werden, Salienz-Schaltkreise zu aktivieren und weiterer funktionelle Netzwerke auszubilden, also eine sogenannte Konnektivitätserhöhung zu bewirken.

Diese Studie bildet aber erst den Anfang: Die Teilnehmerzahl war mit 17 Teilnehmern doch recht klein für zuverlässige Schlussfolgerungen. Auch fand in der Studie nur eine einzige Bildgebungssitzung für jeden Patienten statt. So bleibt weiterhin unklar, ob wie die beobachteten Effekte tatsächlich anhalten und ob noch weitere Bereiche des Gedächtnisses beteiligt sind.

Alles in allem ist die Studienlage der letzten Jahre mehr als vielversprechend:

  • Personalisierte Musikprogramme sind auch bei weit fortgeschrittener Demenz nachweislich in der Lage, das Gehirn wieder zu aktivieren und neue Verbindungen einzugehen. Dies wäre besonders bei Patienten wichtig, die den Kontakt zu ihrer Umwelt verloren haben: die Musik könnte den Patienten wieder mit seiner Identität, Umwelt und seiner Biographie verbinden.
  • Beim Hören von vertrauter Musik wird über das Salienzzentrum die Aufmerksamkeit erhöht. Das kann sich auch positiv auf das Belohnungszentrum im Gehirn und damit auch auf die Motivation auswirken. Das führt dazu, dass emotionale Belastungen von Alzheimer-Patienten leichter bewältigt werden.
  • So bietet die Musiktherapie einen neuen Weg, um Angst, Depression, Aggression und Unruhe bei Demenzpatienten anzugehen und möglicherweise schwerwiegende Symptome wie z.B. Dysphagie, zu lindern.
  • Möglicherweise könnte die Aktivierung benachbarter Hirnregionen über das lange Zeit erhaltene Salienznetzwerk einen Ansatz darstellen, die Lebensqualität langfristig zu verbessern und damit auch den weiteren Verfall durch die Krankheit zu verzögern.

Und mit den zunehmenden Demenzdiagnosen in unserer Gesellschaft, die die finanziellen und menschlichen Ressourcen bis aufs Äußerste strapazieren, sollte jede Möglichkeit wahrgenommen werden, die Alzheimer-Symptome verbessert oder zumindest kontrollierbarer macht, damit die Lebensqualität der Patienten verbessert werden kann!
Wir möchten in diesem Zusammenhang auch auf unserer Partner-Initiative der Singenden Krankenhäuser verweisen. Dieses Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, die heilsame Kraft des Singens für Menschen zu nutzen und erlebbar zu machen. Hier finden Sie die Kontaktdaten und weitere Informationen zu diesem wertvollen Projekt.

Zur Initiative „Music und Memory“:
„Music & Memory“ ist eine im Jahr 2010 gegründete US-amerikanische gemeinnützige Organisation, die Pflegeheime mit iPods ausstattet und Mitarbeiter dafür schult, auf die individuelle Biographie und die Vorlieben des Patienten zugeschnittenen Musik therapeutisch umzusetzen. Anders als in den USA, Australien und den Niederlanden, in denen schon viele Einrichtungen auf personalisierte Musik-Therapie in der Demenzpflege setzen, ist die Initiative in Deutschland bisher weitgehend unbekannt: nur das Ferdinand-Heye-Haus der Diakonie Düsseldorf nimmt an dem Programm teil.

Fazit

Aktuelle Studien konnten zeigen, dass personalisierte Musiktherapie auch noch bei stark fortgeschrittener Demenz im Gehirn positiv auf das Aufmerksamkeits- und Belohnungszentrum in der Salienzregion des Gehirns auswirkt. Diese Gehirnareale blieben im Krankheitsverlauf funktionell noch sehr lange erhalten und werden durch die vertraute Musik wieder dazu aktiviert, neue Verbindungen mit benachbarten Hirnregionen einzugehen. Dadurch werden über die Brücke der Musik wieder Erinnerungen an ‚früher’ geweckt. Gerade Patienten, die den Kontakt zu ihrer Umwelt und zu sich selbst verloren haben, kann die Musik wieder – zumindest für kurze Zeit – in ihre Identität und ins Leben zurückholen, ihnen ihre Angst nehmen, ihre Symptomatik abmildern und damit ihre Lebensqualität deutlich verbessern. Jace B. King, der Erstautor der JPAD-Studie, hätte es nicht besser ausdrücken können:

„Musik ist wie ein Anker, der den Patienten wieder in der Realität erdet.“

Kurz notiert

Das Salienz-Netzwerk ist ein großräumiges neuronales Netzwerk des menschlichen Gehirns, das hauptsächlich aus der anterioren Insula und dem dorsalen anterioren cingulären Cortex besteht. Der Begriff „Salienz“ umschreibt die Eigenschaft, dass ein Reiz aus seinem Kontext hervorgehoben und dadurch dem Bewusstsein leicht zugänglich ist. Demnach ist das Salienz-Netzwerk an der Erkennung und Filterung bedeutsam hervortretender (= salienter) Reize sowie an der Rekrutierung weiterer funktioneller Netzwerke beteiligt. Zusammen mit den mit ihm verbundenen Hirnarealen trägt das Salienz-Netzwerk durch die Integration sensorischer, emotionaler und kognitiver Informationen zu einer Vielzahl komplexer Funktionen bei, darunter Kommunikation, soziales Verhalten und Selbstwahrnehmung [4].

Referenzen:

  1. D Bakerjian, K Bettega, A M Cachu, L Azzis, S Taylor. The Impact of Music & Memory on Resident Level Outcomes in California Nursing Homes. Journal of the American Medical Directors Association (JAMDA), Volume 21, Issue 8, August 2020, Pages 1045-1050.
  2. D Cohen , S G Post, A Lo , R Lombardo , B Pfeffer. „Music & Memory“ and improved swallowing in advanced dementia. Dementia (London) 2020 Feb;19(2):195-204
  3. J B King, K G Jones, E Goldberg, M Rollins, K MacNamee, C Moffit, S R Naidu, M A Ferguson, E Garcia-Leavitt, J Amaro, K R Breitenbach, J M Watson, R K Gurgel, J S Anderson, N L Foster. Increased Functional Connectivity After Listening to Favored Music in Adults With Alzheimer Dementia. Prev Alzheimers Dis. 2019;6(1):56-62
  4. Stangl, W. (2021) Lexikon für Psychologie und Pädagogik.