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Verlangsamt hochdosiertes Vitamin B12 das Fortschreiten der amyotrophen Lateralsklerose (ALS)?

4,2 Minuten LesezeitVeröffentlicht am: 27. Juli 2022Von Kategorien: Behandlungsformen, Prävention

Vor der Sommerpause möchten wir, das Team von Kompetenz statt Demenz uns noch einmal bei Ihnen mit einem spannenden Studienergebnis melden, bei dem es aber diesmal nicht um die Demenz, sondern um eine seltenere, aber sehr ernste, unheilbare Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems geht: die Amyotrophe Lateralsklerose, auch als Lou-Gehrig-Krankheit oder kurz ALS bekannt.

Pro Jahr erkranken etwa ein bis zwei von 100.000 Personen an ALS. Der Krankheitsbeginn liegt in den meisten Fällen zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr, jüngere Erwachsene sind nur selten betroffen. Dabei erkranken Männer etwas öfter als Frauen (1,6:1). Die Häufigkeit der ALS scheint weltweit zuzunehmen.

Im Gegensatz zur Alzheimer Demenz betrifft die ALS nahezu ausschließlich das motorische Nervensystem. Es werden zunehmend vor allem motorische Nervenzellen (Motoneuronen) geschädigt – also Nervenzellen, die für die Kontrolle und Steuerung von Muskeln und Bewegungen zuständig sind. Die Empfindung für Berührung, Schmerz und Temperatur, das Sehen, Hören, Riechen und Schmecken, die Funktionen von Blase und Darm bleiben in den meisten Fällen normal. Auch die kognitiven Funktionen sind bei der ALS kaum gestört, leichtgradige, meist nur in speziellen Tests feststellbare Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit können bei einem Teil der Patienten auftreten, schwerwiegende Beeinträchtigungen sind jedoch selten. Der Verlauf der Erkrankung ist durch fortschreitende Muskelschwäche gekennzeichnet und verläuft fast immer tödlich.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Alzheimer Demenz und der ALS besteht darin, dass es derzeit keine medikamentöse Therapie gibt, durch die eine Heilung erreicht werden kann. Wie auch bei der Demenz gelingt es durch Medikamente (wie z.B. Riluzol und Adaravon) lediglich, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Daher ist es sehr wichtig, dass alle Möglichkeiten erforscht werden, die eine Heilung dieser verheerenden Krankheit oder zumindest eine Veränderung ihres zeitlichen Verlaufs ermöglichen.

In der ALS-Forschung wird ein Tiermodell, eine speziell gezüchtete Labormaus für dieses Krankheitsbild, verwendet. In diesem Modell konnte gezeigt werden, dass der Krankheitsprozess deutlich günstiger verläuft, wenn den Mäusen extrem hohe Dosen von Vitamin B12 verabreicht wurden [1]. Aufgrund der schützenden Wirkung dieses Vitamins auf die Nervenzellen wurde es als Kandidat für eine Behandlung von ALS beim Menschen in Betracht gezogen.

Daher untersuchte eine japanische Forschergruppe in einer aktuellen Studie, die kürzlich im Journal of the American Medical Association veröffentlicht wurde, ob sehr hohe Dosen von Vitamin B12 auch ALS-Patienten helfen könnten [2] [3].

Die Forscher verabreichten entweder Vitamin B12 in Form von Methylcobalamin in einer Dosis von 50 mg (Interventionsgruppe) oder ein Placebo (Kontrollgruppe) zweimal wöchentlich über einen Zeitraum von 16 Wochen intramuskulär. Die 130 Studienteilnehmer, allesamt ALS-Patienten in frühem Krankheitsstadium, erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder das Vitamin B12 oder ein Placebo.

Am Ende des 16-wöchigen Zeitraums wurden alle Teilnehmer einem standardisierten Testverfahren, dem Amyotrophen Lateralsklerose Functional Rating Scale-Revised (ALSFRS – R), unterzogen und somit die Verschlechterung der Symptomatik beurteilt. Auf diese Weise wollten die Forscher herausfinden, ob sich die Geschwindigkeit der klinischen Verschlechterung (Progression) in der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe verringerte.

Was die Forscher herausfanden, war ziemlich bemerkenswert:  Bei denjenigen, die hochdosiertes B12 erhielten, war die Verschlechterung des ALSFRS-R-Scores um 45 % geringer als bei den Patienten, die eine Standardbehandlung wie Riluzol und ein Placebo erhielten. Vitamin B12 in ultrahoher Dosierung war also in der Lage, das klinische Fortschreiten bei Patienten mit ALS im Frühstadium signifikant zu verlangsamen.

Die Forscher spekulierten darüber, wie genau sich Vitamin B12 bei diesen Patienten als vorteilhaft erwies. Eine Möglichkeit ist die Tatsache, dass dieses B-Vitamin hilft, Homocystein im Körper zu reduzieren, da Vitamin B12 (neben anderen Mikronährstoffen) für den Abbau von Homocystein im Organismus notwendig ist. Homocystein ist ein Zwischenprodukt im Proteinstoffwechsel, das neurotoxische Wirkung hat. Es schädigt sowohl die Neuronen als auch ihre Mitochondrien. Weiterhin trägt es zur Verstärkung von Entzündungen bei, die zum Absterben von Motoneuronen führen können, wenn es erhöht ist. Tatsächlich wird berichtet, dass der Homocysteinspiegel bei Patienten mit ALS erhöht ist.

In der 16-wöchigen Studie bauen die ALS-Patienten in der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich weniger stark ab. Auch zeigte sich die hohe Dosierung des Vitamin B12 in der Studie als sicher, aber es handelte sich nur um einen viermonatigen Zeitraum. Dieses Ergebnis macht deutlich, wie wirksam, und dennoch nebenwirkungsfrei, eine Therapie mit hochdosierten Mikronährstoffen bei Patienten sein kann. Sie betont aber gleichermaßen die Wichtigkeit, auch schon in der Prävention aktiv zu sein, und durch ausreichendende Vitamin-B-Versorgung die Homocystein-Werte niedrig zu halten. Neben Vitamin B12 sind auch die Vitamine B6 und B9 (Folsäure) für den Homocystein-Abbau wichtig. Lesen Sie dazu gerne mehr bei unserem Partnerprojekt der Nährstoffallianz.

Fazit:

Eine aktuelle randomisierte klinische Phase-3-Studie, an der 130 Patienten mit ALS im Frühstadium und mäßiger Progressionsrate teilnahmen, konnte eindrucksvoll zeigen, dass Vitamin B12 in ultrahoher Dosierung das klinische Fortschreiten der Krankheit signifikant verlangsamte. Dabei blieb die verabreichte Dosis an Vitamin B12 nebenwirkungsfrei und somit sicher.

Dies zeigt, wie wirksam eine Therapie mit hochdosierten Mikronährstoffen auch bei ALS-Patienten sein kann. Sie betont aber gleichermaßen die Wichtigkeit, auch schon in der Prävention aktiv zu sein, und durch ausreichendende Vitamin-B-Versorgung die Homocystein-Werte niedrig zu halten. So kann ein gesunder Lebensstil mit nervengesunder Ernährung, Bewegung zur Stärkung der Muskulatur, ausreichendem und gutem Schlaf zur Nervenregeneration und eine gute Versorgung mit essenziellen Mikronährstoffe sicher auch im Sinne einer ALS-Prävention nur zu empfehlen sein!

Wissenschaftlich-fundierte Beiträge zum Thema Prävention durch gesunden Lebensstil finden Sie auch bei Kompetenz statt Demenz. Schauen Sie bei uns rein und fangen Sie heute noch damit an, Ihre Nervengesundheit wird es Ihnen danken!

Das Team der Kompetenz statt Demenz wünscht Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer und versorgt Sie ab September wieder mit spannenden Informationen rund um das Thema Alzheimer Demenz und Nervengesundheit!

Referenzen:

  1. K Ikeda, Y Iwasaki, R Kaji (2015) Neuroprotective effect of ultra-high dose methylcobalamin in wobbler mouse model of amyotrophic lateral sclerosis. Journal of the Neurological Sciences, Volume 354, Issues 1–2, pp 70-74 https://doi.org/10.1016/j.jns.2015.04.052
  2. Ryosuke, I Yuishin, F Koji, et al (2022) Efficacy and Safety of Ultrahigh-Dose Methylcobalamin in Early-Stage Amyotrophic Lateral Sclerosis. A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol. 2022;79(6):575-583. doi:10.1001/jamaneurol.2022.0901
  3. ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03548311

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Eine Studie über DDT beweist: Pestizide sind ein Risiko-Faktor für die Alzheimer-Krankheit