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Kann Viagra das Risiko der Alzheimer-Krankheit verringern? – Was steckt hinter den Meldungen?

4,4 Minuten LesezeitVeröffentlicht am: 6. April 2022Von Kategorien: Behandlungsformen, Prävention

In den letzten Monaten gab es immer wieder Meldungen, dass das potenzsteigernde Medikament Viagra das Risiko für die Alzheimerkrankheit verringern könnte. Das scheint auf den ersten Blick eine interessante Therapie-Option zu sein, zumal die Alzheimer-Krankheit die häufigste Ursache für Demenz bei Menschen über 65 Jahren ist und erhebliche negative Auswirkungen auf das Leben der Patienten, ihrer Angehörigen und des Pflegepersonals hat. Darüber hinaus stellt diese verheerende Erkrankung eine große wirtschaftliche und finanzielle Belastung für die Familie des Patienten wie auch für das Gesundheitssystem dar.  

Die Suche nach einem wirksamen Medikament gegen Alzheimer und andere Formen der Demenz ist eine der Prioritäten der klinischen Forschung, bislang jedoch ohne positive Ergebnisse. Es ist bekannt, dass die Entwicklung neuer Medikamente ein zeit- und kostenaufwändiger Prozess ist. Die Möglichkeit, ein bereits für andere Krankheiten zugelassenes Medikament zusätzlich für die Behandlung von Alzheimer anzuwenden, also die Indikationen auszuweiten, könnte demnach den Prozess beschleunigen und einer großen Zahl von Patienten schneller und vor allem mit geringeren Kosten zugutekommen.  

Vor diesem Hintergrund hat ein Forscherteam der Cleveland Clinic kürzlich eine computergestützte Methode entwickelt, um herauszufinden, welche der bereits von der US-amerikanischen Medikamentenzulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) zugelassenen Medikamente auch zur Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit geeignet sein könnten.  

Die Forscher erstellten dazu zwei Datennetze: Das erste kartierte die Proteine, die mit den pathologischen und molekularen Veränderungen der Alzheimer-Krankheit zusammenhängen, wie z. B. Amyloid-Plaques und Tau-Proteine. Das zweite bildete die mehr als 1600 von der FDA zugelassenen Medikamente unter Berücksichtigung ihres molekularen Wirkungsziels ab, d. h. in welchem krankheitsbezogenen Zusammenhang jedes Medikament wirken würde.   

Über die Beziehung zwischen den Komponenten der beiden Netzwerke identifizierte das Team insgesamt 66 Medikamente, die in engerem Zusammenhang mit der Pathogenese der Alzheimer-Krankheit stehen können. Darunter befanden sich also diejenigen Medikamente, die direkt auf molekulare Prozesse einwirken, die an der Entstehung der Alzheimer-Krankheit beteiligt sind. Einige dieser Wirkstoffe werden bereits in klinischen Versuchen für die Behandlung der Alzheimer-Krankheit getestet, wie z. B. Losartan (Blutdrucksenker), Metformin (Antidiabetikum) und Sildenafil. Letzteres ist im Volksmund auch bekannt als Viagra, stellte sich aber nach diesen Berechnungen als der beste Kandidat heraus.  

Anschließend analysierte das Forscherteam über 7 Millionen Patienten-Daten und stellte fest, dass die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von sechs Jahren an Alzheimer zu erkranken, bei Personen (hauptsächlich Männern), die Sildenafil einnahmen, um 69 % geringer war als bei Personen, die das Medikament nicht einnahmen. Dieses Ergebnis unterstützte die Schlussfolgerung, die aus den oben beschriebenen computergestützten Methoden gezogen wurde.  

Auch in-vitro-Studien mit Zellen von Alzheimer-Patienten haben gezeigt, dass diese Zellen, wenn sie Sildenafil ausgesetzt sind, verstärkte neuronale Verbindungen und eine verringerte Phosphorylierung des Tau-Proteins – ein Biomarker der Krankheit – aufweisen. All diese Ergebnisse deuten in der Tat darauf hin, dass Sildenafil ein potenzielles Mittel zur Vorbeugung und Behandlung der Alzheimer-Krankheit sein könnte.  

 

Wie wirkt Sildenafil und welche Rolle spielt es bei der Prävention der Alzheimer-Krankheit?  

Sildenafil (Viagra) ist ein Medikament zur Behandlung von Erektionsstörungen und pulmonaler Hypertonie (erhöhter Druck in den Lungenarterien). Sein Wirkmechanismus führt zu einer Vasodilatation, d. h. zur Entspannung der Muskeln der arteriellen Gefäßwand, wodurch der Blutfluss zu den Geweben verbessert wird.   

Hämodynamische Veränderungen, d. h. Veränderungen der Durchblutung des Hirngewebes, werden bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit beobachtet und können durch bildgebende Untersuchungen dokumentiert werden. Zu diesen Veränderungen gehören ein verminderte Hirndurchblutung, ein erhöhter Widerstand der Hirngefäße und eine verminderte Stoffwechselrate im Gehirn. Eine verbesserte Durchblutung des Gehirns durch Einnahme von Sildenafil könnte demnach, so die Hypothese der Forscher, das Risiko für die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit verringern.  

 

Welche konkreten Informationen liefert diese neue Studie also?  

Die Ergebnisse dieser Studie, die 2021 in Nature Aging veröffentlicht wurde, sind zwar ermutigend, zeigen aber lediglich einen Zusammenhang zwischen Sildenafil und einem geringeren Alzheimer-Risiko. Sie sind aber nicht in der Lage, einen Kausalzusammenhang nachzuweisen. Das heißt, es gibt keinen Beweis dafür, dass die Einnahme von Sildenafil die Ursache für das geringere Alzheimer-Risiko in der Studienpopulation ist.  

Weiterhin betrug der Beobachtungszeitraum lediglich sechs Jahre, was für eine lange fortschreitende Erkrankung wie Alzheimer-Demenz zu kurz ist. Zudem sollte man auch bedenken, dass Männer, die wegen erektiler Dysfunktion zum Arzt gehen, sich bereits von jenen unterscheiden, die prä-symptomatisch von Alzheimer betroffen sind.  

Ein weiterer Kritikpunkt an dieser Studie ist, dass der Anteil der Frauen an der Studie naturgemäß gering war, tatsächlich aber Frauen ein größeres Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. 

Dennoch hat diese Studie bei einem großen Teil der Demenzforscher Hoffnung geweckt. Es müssen jedoch noch kontrollierte klinische Studien durchgeführt werden, um den langfristigen klinischen Nutzen von Sildenafil bei der Alzheimer-Krankheit zu bewerten und den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu beweisen. Im Moment ist dieser Zusammenhang nicht mehr als eine interessante Hypothese und Möglichkeit, die weiter geprüft werden muss, bevor die Wirkung „Verringerung des Alzheimer-Risikos“ in die Liste der Indikationen für die Verwendung von Sildenafil aufgenommen wird.  

Obwohl die Studie wissenschaftlich von großem Interesse ist, raten wir davon ab, Viagra ausschließlich für diesen Zweck zu verwenden, da es noch keine stichhaltigen Beweise für eine entsprechende Wirkung gibt.   

 

Fazit: 

Die Wissenschaft ist seit langem auf der Suche nach einem Medikament, das das Risiko der Alzheimer-Krankheit verringern kann. Eine neue Studie hat sich der Methodik der computergestützten Datenanalyse bedient, um unter bereits zugelassenen Medikamenten für andere Indikationen Kandidaten zu finden, die auch bei der Alzheimer Erkrankung wirksam sein könnten. Hierbei hat sich der Viagra-Wirkstoff Sildenafil, ein Medikament zur Behandlung von Erektionsstörungen und Lungenhochdruck, als ein vielversprechender Kandidat erwiesen.  Obwohl die Studie Hoffnung macht, ein Medikament zu finden, das dieser verheerenden Krankheit vorbeugen kann, müssen ihre Ergebnisse durch klinische Studien zur Bewertung der langfristigen Wirksamkeit und Sicherheit bestätigt werden.  

Wir raten daher davon ab, Viagra für diesen Zweck zu verwenden, da wir noch keine stichhaltigen Beweise haben. Außerdem ist mittlerweile zureichend bekannt, dass medikamentöse Monotherapien keine alleinige Lösung in einer effektiven ursächlichen Alzheimer-Behandlung darstellen. Bislang sind die in unserem Projekt beschriebenen multifaktoriellen Änderungen des Lebensstils die wirksamste – und vor allem nebenwirkungsfreiste – Form der Prävention und Behandlung von Alzheimer. 

Wir, das Team von ‚Kompetenz statt Demenz‘, werden Sie auf dem Laufenden halten! 

Referenz: 

Fang, J., Zhang, P., Zhou, Y. et al.Endophenotype-based in silico network medicine discovery combined with insurance record data mining identifies sildenafil as a candidate drug for Alzheimer’s disease. Nat Aging1, 1175–1188 (2021). https://doi.org/10.1038/s43587-021-00138-z 

 

 

 

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